Samstag, 16. Februar 2013

Das Bild des Engels aus kulturwissenschaftlicher Sicht

Hallo zusammen,

heute möchte ich den Engel aus kulturwissenschaftlicher Sicht beleuchten:
Wie wurde der Engel zu dem was er heute ist? Wie hat er seine typischen Merkmale erhalten, die z.B. helfen Erzengel als solche zu klassifizieren? Und was bedeutet dies für unsere Wahrnehmung?

Der heutige Mensch, seine Ansichten zu bestimmten Themen (in unserem Fall Engel) sind kulturgeschichtlich geprägt. Die Kultur, in der wir leben und deren Geschichte formte unser Bild des Engels wie es heute ist.

Die Anfänge des Engels:

Frühchristliche Darstellungen entsprechen nicht dem Bild des Engels von heute: Es fehlen die besondere körperlicher Schönheit, der Nimbus um den Kopf, und es fehlen die Flügel.
Vielfach bewiesen ist, dass die frühen Christen religiöse Elemente der Kelten übernommen haben. Ein Gebot bei den Kelten, das sich die frühen Christen sehr zu Herzen genommen haben, war, bildliche Darstellungen von Gott und seinen Helfern zu vermeiden. Als man dennoch damit anfing, versuchten die Künstler diese Darstellungen so schlicht wie möglich zu halten.
Künstlerische Darstellungen dieser Zeit zeigen Engel in Gestalt von Menschen - besser gesagt als schlichte junge Männer, die häufig in Tuniken gekleidet sind.
Ein Beispiel einer solchen Darstellung findet sich in einer Katakombe, die in den 1950er Jahren in der Nähe der römischen Via Latina gefunden wurde. Sie stammt aus dem 4. Jahrhundert.

Wie bekam der Engel seine Flügel?

Bei der griechischen Göttin Nike und dem römische Pendant der Victoria handelt es sich um weibliche Gottheiten des Sieges. Diese Gottheit trat oft in weiblicher Gestalt auf, bekleidet mit einer Tunika. Sie hatte oft Flügel.

Hier ein Zitat aus:

Herbert Vorgrimler, Ursula Bernauer, Thomas Sternberg (Hrsg.): Engel. Erfahrungen göttlicher Nähe, Freiburg im Breisgau 2001/2008, S.26.

"Die Darstellung der Victoria führt uns zu einem Element antiken Denkens, das für die Menschen des Altertums zum alltäglichen Umgang gehörte. Im römischen und griechischen Altertum erlebte man viele Dinge oder Vorgänge zugleich als Person und als Sache. Wenn man etwas über einen Sieg sagen wollte, dann tat man das nicht nur in einer symbolischen Weise [...]. Man erlebte diese abstrakten Begriffe zugleich als Person, in der Personifikation als 'Gottheit'. Das Genus des Wortes bestimmte das Geschlecht der damit gemeinten 'Gottheit'."

Mit Genus ist das Geschlecht gemeint. Im Deutschen heißt es DER "Sieg", in unserem Falle wäre also die Gottheit männlich. In der Antike war der Sieg weiblich. Deswegen wird Victoria/Nike weiblich dargestellt. Sie ist oft mit Flügeln ausgestattet. Außerdem trägt sie ein langes Gewand und einen Siegeskranz in der Hand. Seit der Zeit um 500 vor Christus erscheint sie oft als stehend oder schwebend und bewegt sich entweder bei dem als Sieger heimkehrenden Feldherren oder im Kreis der Götter. Da ein Sieg beflügelt, ist verständlich warum sie häufig solche besitzt.

Zum christlichen Zwecke - aber auch im Islam wurde die Victoria in einen Mann verwandelt.

Hierzu ein weiteres Zitat:

Herbert Vorgrimler, Ursula Bernauer, Thomas Sternberg (Hrsg.): Engel. Erfahrungen göttlicher Nähe, Freiburg im Breisgau 2001/2008, S.27.

"Vielleicht hat Mohammed zu Beginn des 7. Jahrhunderts in Arabien solche Viktorien [...] vor Augen gehabt, als er sich gegen weibliche Engeldarstellungen zur Wehr setzte. [...]
Auffallend ist, dass die eindeutige weibliche Zuschreibung der Victoria-Figur verändert ist: Sie ist als Mann dargestellt. Vielleicht ist der Grund dafür das männliche Genus des Wortes 'angelus'. Bis heute ist es noch nicht befriedigend geklärt, wie es zu der Übernahme der vermännlichten Victorien in der christlichen Kunst gekommen ist."

Betrachten wir beispielsweise jedoch die Bibel, hier vor allem den Sündenfall Adams und Evas, dann wird meiner Ansicht nach einiges klarer: Die Schlange verführte Eva, und diese verführte wiederum Adam. Die Ursünde ist weiblich, deswegen kann ein himmlischer Helfer nicht mehr weiblich sein und wird zum männlichen geflügelten Vertreter von Gottes Willen.
Eine Ausnahme bietet der weibliche Schutzengel, der etwa im 19. Jahrhundert immer beliebter wurde. Mütterlichkeit und Schutz sind Attribute, die es wieder erlaubten, an einen weiblichen Schutzengel zu denken, der auf zahlreichen Bildern z.B. als Beschützer von Kindern dargestellt wurde und teilweise noch wird.

Eine kleine Geschichte der Engelshierarchien:  

 Für uns ist es heute selbstverständlich, die Engel in Hierarchien einzuteilen. Da gibt es die Engel, die Erzengel, Cherubinen, Seraphinen und noch einige mehr.

Hierzu ein Zitat:

Herbert Vorgrimler, Ursula Bernauer, Thomas Sternberg (Hrsg.): Engel. Erfahrungen göttlicher Nähe, Freiburg im Breisgau 2001/2008, S.32.

"Ein Autor, der bis in die Neuzieit für jenen Dionysius gehalten wurde, der von Paulus auf dem Aeropag bekehrt worden ist, verfasst [...] in griechischer Sprache ein Buch über die 'himmlische Hierachie'. [...]
Pseudo-Dionysius Ariopagita geht in seiner Schrift über die himmlische Hierarchie ausführlich auf die schon früher bezeugte Klassifizierung der Engel ein. Die erste Triade sei die nächste um Gott und umfasse die Throne, Cherubim und Seraphim. Die zweite Triade bestehe aus Gewalten, Herrschaften und Mächten, die letzte Triade bilden die Erzengel und die Himmelsfürsten."

Die Rangfolge, wie sie Dionysius beschrieben hat, ist nicht immer gleich geblieben aber im Kern weiterhin übernommen worden, so beispielsweise von Gregor dem Großen, der um 600 herum die neun Engelschöre als selbstverständlichen Teil der Hierarchien gesehen hat. 

Diese Hierarchien wurden nach dem Vorbild kaiserlichen Hofzeremoniells dargestellt und interpretiert.

Warum ist Erzengel Michael bei uns so beliebt?   

Die moderne Bibelwissenschaft geht davon aus, dass der Name Michael nicht Wer ist wie Gott? bedeutet, sondern dem hebräischen Wort jakal entlehnt ist, was so viel bedeutet, wie übermächtig sein und siegen.
Michael ist also jüdischer Herkunft.
In der äthiopischen Fassung des frühjüdischen Buches Henoch (ab dem 3. Jahrhundert vor Chr. entstanden) wird er als barmherziger und geduldiger oberster Befehlshaber der himmlischen Heerscharen beschrieben. Er ist einer der sieben Engelsfürsten. Berühmt wird er durch seine Auseinandersetzung mit Satan, der in Gestalt eines Drachens,  von Michael mit samt seinen Engeln aus dem Himmel verbannt wird, weil dieser gegen Gott aufbegehrt hat. Diese Auffassung wird nicht nur von der letzten Schrift des Neuen Testaments übernommen, sondern u.a. auch von zahlreichen Künstlern und Literaten, wie z.B. John Milton mit seinem Paradise Lost (1667). Diese Geschichte ist heute Gegenstand zahlreicher Spielfilme, wie z.B. der Gods Army- Reihe.

Fazit:

Zusammenfassend lässt sich die Entstehung des heutigen Engels kurz folgendermaßen beschreiben:

  1. Engel als junger Mann gekleidet in einer Tunika.
  2. Engel als geflügelter junger Mann gekleidet in einer Tunika mit Heiligenschein - der griechischen/römischen weiblichen Siegesgottheit entlehnt.
  3. Engel als geflügelter junger Mann mit Heiligenschein gekleidet in einer Tunika-  angeordnet und dargestellt im Rahmen kaiserlichen Hofzeremoniells, bei dem sich die Engel (Untergebenen) um den Thron des Herrschers (Gott) herum sortieren. 
  4. Weibliche Schutzengelfigur als Prinzip beschützender Mütterlichkeit, jedoch ohne nennenswerten Rang.
Folgende persönliche Fragen werfen diese Tatsachen bei mir auf: 

Bewege ich mich aus dem kulturwissenschaftlichen Bereich hinaus und hinein in das Denken und Handeln spiritueller Menschen, die beispielsweise von Begegnungen mit Erzengel Michael berichten, frage ich mich wie sehr unser heutiges Engelbild kulturgeschichtlich beeinflusst ist.
Ist unser Engelsbild eine Metapher für eine für uns nicht greifbare höhere feinstoffliche Macht, die uns hilft uns besser mit uns selbst auseinander zu setzen? Eine Art kulturelles Konstrukt, entstanden durch die jahrtausende alte Geschichte und dem Zusammenspiel unterschiedlichster Einflüsse und Faktoren?
Oder gibt es Erzengel Michael wirklich und wir Menschen haben ihn einfach so beschrieben wie er ist?

Wenn es ein kulturgeschichtliches Muster ist, kann es dann eventuell sein, dass dieses uns daran auch hindern kann, feinstoffliche Wesenheiten, die nicht mit diesen Konzepten erklärbar sind - zu erfahren? 

Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich heute!

Alles Liebe euch
Alina

Quellen: 

Literatur: 

  • Herbert Vorgrimler, Ursula Bernauer, Thomas Sternberg (Hrsg.): Engel. Erfahrungen göttlicher Nähe, Freiburg im Breisgau 2001/2008. 
Webseiten:

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