Samstag, 10. Mai 2014

Lebe dich selbst - ein Shitstorm?

Hallo zusammen,

angeregt durch einen tollen Artikel, der uns schnell zu jenen Entscheidungen verhilft, die unserem Selbst entsprechen, schreibe ich diese Zeilen.

Martha Beck unterscheidet sehr treffend zwischen dem so genannten gesellschaftlichen Selbst und dem essentiellen Selbst. Wie ihr sicherlich schon gemerkt habt, würdet ihr gerne sehr viele Dinge tun, aber aus Angst vor den Konsequenzen dieser freiheitsrevolutionären Tat, schreckt ihr zurück - und das ist der Hauptgrund warum wir oft im Alltag zu keiner Entscheidung kommen.

Ein Beispiel, das jeder gut kennt, ist die Frage: Soll ich meinen Job behalten oder kündigen? Stelle ich mir diese Frage, ist die Antwort eigentlich schon klar: Ich mag meinen Job nicht und will ihn eigentlich kündigen. Warum komme ich dann aber zu keiner Entscheidung? Die Konsequenz einer solch revolutionären Tat ist, so denkt man: Arbeitsamt, Hartz IV usw... also: mangelnde Sicherheit.

Sich an Gesellschaftsnormen anpassen verspricht uns Stabilität. Aber auch im Privaten Bereich gelten sie, diese Normen. So ertappen wir uns ständig dabei, daran zu denken wie unsere Lebenspartner über uns denken, ob sie uns attraktiv finden und ob wir so sind wie sie es gut finden. Wenn ja, bekommen wir Lob und Anerkennung, wenn nein, dann? Ja da beginnt wieder das Kopfkino was dann passieren würde. Auch hier ist die Angst vor Stabilitäts- und Anerkennungsverlust unser treibender Motor.

Lebe dich selbst - ein Shitstorm?

Einerseits propagieren Spirituelle Schulen von ihren Plakaten: Sei du selbst und es wird dir gut gehen. So wirst du glücklich!
Eine tolle Ermutigung, das essentielle Selbst zu leben.
Problematisch wird das aber dann, wenn das essentielle Selbst in vielerlei Hinsicht nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht.

Angst vor Ablehnung und sogar Beschimpfungen u.a. tritt auf - normal nicht?

Ich beobachte besonders in Facebook wie erpicht viele Menschen darauf sind, sich an so genannten Shitstorms zu beteiligen. Shitstorms sind, meiner Ansicht nach, die modernen Hexenverbrennungen von heute.
Da hat jemand was "Böses" oder "Irritierendes" getan und wird bestraft - nachprüfen ob es wahr ist kann sowieso keiner, wie auch? 
Früher gabs den Scheiterhaufen und den blinden Mob, der die Hexe brennen sehen wollte, ob sie nun eine war oder nicht. Heute ist es das soziale Netzwerk und die Anonymität, die viele Menschen zu einer Cybermob-Gemeinschaft heranwachsen lässt.

Shitstorms sind Ansammlungen wütender bis beleidigender Kommentare auf eine als empörend oder irritierend empfundene Aktion eines Menschen, die z.B. in einem Video festgehalten wurde. Es gibt verschiedene Intensitätsgrade von Shitstorms, die stärkste demoliert das Ansehen dieses Menschen aufs Härteste und zwar in einem öffentlichen Rahmen!
Empörte Reaktionen von Menschen, auf Menschen, die z.B. Tiere gequält haben, sind noch nachvollziehbar. Sie werden an den Pranger gestellt und gevierteilt.

Aber ich meine DAS NICHT. Menschen reagieren auch dann empört und beleidigend, wenn die Aktion desjenigen, über den sie sprechen nicht gewalttätiger Natur ist, sondern lediglich irritiert. Irritierend wirkt jemand dann auf uns, wenn er den gängigen Normen widerspricht.

So gibt es eine britische Serie - sie erzählt die Geschichte einer transsexuellen Frau, die unten herum noch ein Mann ist.
Nachdem ihre Expartnerin gestorben ist,  kümmert sie sich um die gemeinsamen Kinder. Sie kehrt in ihr altes Heim zurück und erklärt ihnen, dass sie zwar wie eine Frau aussieht, sich auch wie eine fühlt, aber deren Vater ist. Na? Ist das nicht irritierend?

Nun stellt euch diese Frau bekennt sich in Facebook - sicher, sie wird viel Zuspruch erhalten, aber auch viele beleidigende Kommentare, oder?
Was also, wenn dieser oder jener Mensch feststellt, dass dieses Ich lebe mich selbst Ding zu derartigen Zerwürfnissen führen kann, dass ihm die gesellschaftliche Akzeptanz aber auch jene seiner Umgebung, Freunde, Partner etc. unter den Füßen weg gerissen wird?
Dann wird er den Teufel tun, sich zu bekennen. Und doch gibt es mutige Menschen, die es trotz allem tun, die zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt. Ich nenne sie die Märtyrer des gesellschaftlichen Fortschritts, weil sie die Schläge aushalten zugunsten von mehr Akzeptanz. 


Die Konsequenz: 

Es ist schon möglich sich selbst zu leben, also z.B. was den Job anbelangt zu einer gesunden Entscheidung zu kommen, die einem hilft im Leben klar zu kommen. Regeln und Normen sind wichtig, um z.B. Gewalt zu regulieren, ihr Restriktionscharakter ist wichtig wie auch einengend zugleich. Aber die Menschen, die wahrhaftig aus dem Rahmen fallen, die werden sich am allerwenigsten trauen, ihr essentielles Selbst so ohne weiteres zu leben!

Frei nach den Spirituellen und nach den Regeln der Gesellschaft, aber auch der Achtung vor Freunden und Partnern, sage ich:

Lebe dich selbst, aber achte darauf, dass dies bei anderen nicht zu Irritationen führt - und wenn, dann bitte in einem noch vertretbaren Rahmen. So folgt dem Exotischen eine Mischung aus Faszination, Hochachtung und einem Shitstürmchen, dem nun mal jeder Mensch in seinem Leben ausgesetzt ist.








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