Mittwoch, 16. September 2015

Ein seltsames Wesen in der Nacht...

Schneidende Kälte überzog mein Gesicht mit einem roten Schimmer. Bei jedem Atemzug blies ich helle Wolken in das Dämmerlicht des Waldes. Ich zog meine Mütze tiefer ins Gesicht und stapfte entschlossen weiter.
Wäre zu dieser Uhrzeit noch jemand unterwegs gewesen, hätte er gemeint, er oder sie hätte mich alleine angetroffen, aber weit gefehlt: Ich war nicht allein. Niemand sah die Abdrücke, die sich schmatzend im leicht frostigen Matsch abzeichneten - nicht einmal ich selbst. Aber ich hörte das Geräusch ganz leise und ganz nah an meinem Ohr, und so wusste ich, dass mich mein Naturwesenfreund wie immer begleitete.
"Mir ist kalt", bibberte er als schnarrende Stimme in meinem Kopf. Gleichzeitig sah ich vor meinem inneren Auge, wie er seinen Wollumhang enger um den Körper zog. "Lass uns nach Hause gehen."
"Ja, lass uns nach Hause gehen", wiederholte ich monoton. Ich mochte Winter nie. Sie waren so kalt und so karg und oft begleitet von tagelangem zu Hause sitzen. Ich lebe mit meinem Partner in einer schmucken, aber etwas kleinen Wohnung, und manchmal, da brauche ich eben frische Luft - auch wenn sie klirrend kalt ist. Die Aussicht auf Nachhause, ließ nach dem 2 Stunden währenden Marsch meine Knochen vor Sehnsucht nach Wärme leise aufächzen.
Mein Naturwesenfreund spürte das und lachte leise...es hörte sich an als würde eine Katze husten und gleichzeitig schnurren.
"Du wolltest was sehen, hm?" Er legte mir seine bekrallte Hand auf die Schulter und sah mich mit seinen dunklen Mandelaugen aufmerksam an. "Öh", seufzte ich, "hör bitte auf. Hör auf mich zu quälen."
Er wusste wie sehr ich ihn liebe, und er wusste auch wie sehr es mich verzehrte ihn einmal richtig und real zu sehen, ihn in meine Arme zu nehmen, an mich zu drücken und seine Körperwärme zu spüren, aber das ging nicht. "Noch nicht", flüsterte er leise in mein Ohr. "Sei geduldig, Lieb..."
"Ja, geduldig..." Während ich weiter stapfte, starrte ich auf die verschwommenen Umrisse meiner Winterstiefel. "Was sind für dich schon 45 Jahre, die du noch auf mich warten musst, bei deiner Lebenszeit? Aber ich, ich bin ein Mensch, und für mich ist das eine lange Zeit des Wartens ehe ich dich wieder sehen darf."
"Steh deinem Partner jetzt bei", hauchte er in mein Ohr, "er braucht dich jetzt!"
Das stimmte sogar... "Ja", murmelte ich, "er braucht mich." All die Jahre, die wir schon zusammen lebten, hatten uns ganz eng aneinander geschweißt. "Wer bin ich, das zu zerstören?", fragte mein Naturwesenfreund in meinem Kopf. "Ja, ich weiß", seufzte ich, gleichzeitig freute ich mich darauf, meinen Schatz wieder zu sehen, denn ich liebte auch ihn!
"Schau!" Mein Freund blieb abrupt stehen und deutete geradeaus. Ich hielt inne und hob den Kopf. Da! Nur einige wenige Meter vor meinen Füßen lag etwas..."Was zum Teufel ist das?", fragte ich erstaunt. Es war klein und leuchtete in einem unwirklichen hellgrünen Licht - dessen Farbe mich an jene von Glühwürmchen erinnerte.

Wie eine kleine Qualle tastete es mit seinen zig langen Armen über den frostigen Boden. Ich wollte es näher betrachten, da hob es sein längliches Köpfchen, blickte mich eine Sekunde lang aus dunklen Knopfaugen an und zack weg war es. Wie eine Rakete schoss es in den dunklen Nachthimmel und zog einen langen hellgrünen Schweif hinter sich her.
Lange nachdem es schon weg war, stand ich noch wie angewurzelt da und starrte auf die Stelle, an der es sich befunden hatte. Ich drehte den Kopf, sah in die Richtung meines Freundes und fragte nur: "Ein Geschöpf der Natur?" Wieder dieses katzenhafte Hust-Lachen. "Ja, du wolltest doch was sehen!", gurrte er.
Für mich war diese Erscheinung der Beweis, das sich das Warten auf ihn lohnte, dass seine Person nicht nur ein Hirngespinst ist, nicht nur ein Geist, dessen Struktur zwischen meinen Fingern zerrinnt, sobald ich sie anfassen möchte. <3 p="">

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