Donnerstag, 29. Oktober 2015

Die Geschichte einer Zwangsheirat - Teil 2...

„Du willst sicher deinen Mann kennen lernen, oder?“ Marrdaks blassblaue Lemurenaugen ruhten ernst auf dem Antlitz ihrer zukünftigen Schwiegertochter. 
Ridhu nickte schüchtern. Jetzt war der Augenblick der Augenblicke gekommen. 
Marrdak schnalzte mit der Zunge, und eine dünne drahtige Gestalt trat aus dem Verschlag hervor, der die Schlafstelle der Gastfamilie darstellte. Ihren Mann und Manaktus Geschwister waren von der Alten zuvor zu Verwandten geschickt worden. Für die neue Braut musste die Hütte leer sein, nur so konnte sie sich das Kind in aller Ruhe ansehen. 
In den Nächten, in denen sie in der Mitte der Hütte bei ihrer Mutter gelegen hatte, konnte sie ihren zukünftigen atmen hören. Oft hatte sie sich anhand Rhythmus seiner Atemgeräusche vorzustellen versucht, wie er so war. Nun stand dieses atmende etwas vor ihr.
Manaktus magerer Körper war dunkelhäutiger als jene seiner Stammesmitglieder. Er war so dunkelhäutig und braun wie die Leute aus Ridhus eigenem Stamm. Die junge Frau blickte irritiert auf das rote Haar, das ihren dunklen Körper zierte, für die Leute in ihrem eigenen Dorf war das vollkommen untypisch. Es war so rot, wie das der meisten Leute in diesem Dorf. 
War in ferner Vergangenheit vielleicht etwas schief gelaufen??? Hatte einst jemand aus ihrem Stamm sich Marrdak schnappen können? Aber, wenn das so war, warum hatte sie dann trotzdem den hellhäutigen Iakti heiraten können? Und wieso wurde deren Sohn nun mit jemandem wie ihr verheiratet?

Ridhu kratzte sich nervös hinter dem langen Ohr und blickte ihrer Mutter in die dunklen Augen.
Marrdak und Radka verband etwas! Genauer gesagt, verbanden die beiden Frauen zwei Etwase – hier standen sie: Manaktu und Ridhu – in ihrer Sprache übersetzt hieß das der Dunkle  und die Helle. Beide Mütter waren in ihrer Jugend – kurz vor ihrer Heirat – von Fremden bestiegen worden, Fremden des jeweils anderen Stammes. Theoretisch hätte sie das dazu verpflichtet, ihre versprochenen Ehemänner sofort zu verlassen und ins jeweils andere Dorf zu wechseln, was sie aber nicht getan hatten!
Die Augen der jungen Frau weiteten sich vor Erstaunen und sie bedeckte ihre Lippen mit der Hand. 
Marrdak schien ihre Gedanken zu hören. „Du bist ein kluges Kind“, sagte sie leise, „wenn du es also bist, dann weißt du wie wichtig es ist, dass sich unsere Stämme vertragen, ja?“ Sie war dàachia, die Weise, die Oberste ihres Stammes und sie durfte entscheiden was das Beste für ihren Stamm war – Iakti, der männliche Anführer, war da ihrer Meinung gewesen. 
Ridhu nickte scheu und beschaute sich erneut die Erscheinung ihres Zukünftigen. Sein Fell war braun wie die einer Walnuss und seine runden Augen glänzten wie schwarze Murmeln. Manaktus breiter Mund kräuselte sich zu einem schelmischen Lächeln, dann fuhr er sich gurrend durchs Haar und scharrte leise mit seinen bekrallten Füßen. 
Ridhu versuchte ihn einzuschätzen – gut sah er ja schon mal aus, aber der Rest würde sich erst im weiteren Verlauf ergeben, und das machte ihr beträchtliche Angst. Ihr sehniger Körper spannte sich wie eine Bogensehne. In ihren hellen Augen flackerte nackte Angst wider. 
„Ihr werdet in drei Tagen heiraten“, bestimmte Marrdak, „ich gehe hinaus und sage es allen!“
Radka nickte. Sie hatte sicherheitshalber vorgesorgt, die Mitgift für ihre Tochter wurde auf den Rücken von Mauleseln nachträglich hier her geschafft. Hätte Marrdak sich anders entschlossen wäre alles ein Freundschaftsgeschenk an den Stamm gewesen – ein teurer Spaß, und jene ihres Volkes, die zum Feiern gekommen wären, hätten sich unterwerfen müssen! Radka ließ sich ihre Erleichterung nicht anmerken. 
Marrdak erhob sich ächzend, dann packte sie Manaktu und Ridhu am Handgelenk und zog sie vor die Hütte. „Ich habe euch etwas mitzuteilen“, rief sie den Vorbeiziehenden im Dorf zu. Sofort blieb alles stehen und eilte zur ihr. Wenn die dàachia etwas zu sagen hatte, mussten alle zuhören! 
„Mein Sohn Manaktu und Ridhu vom Stamm der Aglàt werden in drei Tagen heiraten. Es wird ein großes und es wird ein schönes Fest. Die Leute vom Stamm der Aglàt sind unsere Freunde und sie werden bei der Hochzeit dabei sein.“ 
Wie, um ein Zeichen zu setzen, trat Radka neben Marrdak. Die beiden Frauen nickten einander zu, legten jeweils die rechte Hand auf die Schulter der anderen und umarmten sich dann vor der ganzen Gemeinschaft.
Ridhu hielt ihren Blick gesenkt, dennoch spürte sie die bohrenden Blicke der Frauen. Mit der Hochzeit würde ihre Pflicht nicht enden: Im Gegenteil, sie würde sich hernach beweisen müssen und vor den Augen aller ganz alleine die gemeinsame Hütte bauen. Manaktu würde lediglich die Baumaterialien besorgen – helfen durfte er ihr nicht. „Du musst deine Sache gut machen, Kind“, hatte Radka ihr eingebläut, „eine schöne Hütte bedeutet eine gute Ehe, eine hässliche Hütte verweist auf eine hässliche Ehe!“ Lange hatten sie gemeinsam geübt – so lange bis Ridhu alle Schritte beherrschte. Die junge Frau spürte einen schweren Kloß in ihrem Magen. Dann nahm sie alle ihren Mut zusammen und blickte auf. Direkt vor ihr stand ein junger Mann in einem abgewetzten Lendenschurz – seine grünen Augen funkelten wild. 'Du wirst mich niemals bekommen', funkelte sie wütend zurück.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen