Sonntag, 15. November 2015

Die Geschichte einer Zwangsheirat - Teil 3

Dann sah sie nach rechts und direkt in die schwarzen Murmelaugen ihres zukünftigen Mannes. Er lächelte sanft. Der wütende Zug auf ihren Lippen schmolz dahin. Eine verletzliche Seele kam zum Vorschein, ihr war nach Weinen zumute, aber da war noch etwas anderes – ein wenig Zuversicht. Plötzlich übermannte sie der unwiderstehliche Drang sich in seine haarigen Arme zu verkriechen.
Just in dem Augenblick wandte sich Manaktu ab und sah in die Menge. Das sanfte Lächeln verhärtete sich zu einem Zug triumphalen Sieges, er richtete sein Nackenhaar auf, grinste keck, zeigte die Zähne und gurrte dabei. Ridhus Zuversicht fiel in sich zusammen. Doch dann begriff sie. Als Mann musste er so sein, schließlich war sie seine Frau, und er musste sie beschützen.


Marrdak ließ ihren Sohn und ihre Schwiegertochter los. Und dann geschah es. Mit einem Satz war Manaktu bei seiner Angetrauten, ein Griff um ihren Arm, und er zog sie mit sich fort.
Die junge Frau wusste nicht wie ihr geschah. Wie im Taumel stolperte sie hinter Manaktu her, der geschwind durch das Unterholz jagte. Ihr Herz schlug aufgeregt. Sie fürchtete sich vor dem was kommen würde, zugleich übermannte sie eine unglaubliche Erleichterung dem Bad der Menge endlich entkommen zu sein. Obwohl die Frühlingsluft warm war, brannte sie in ihrer Lunge. Schweiß perlte sich auf Ridhus dunkler Haut, als sie endlich stehen blieben. Ihr Herz pochte wild, das Blut pulsierte in ihren Schläfen. Darunter mischte sich das hektische Auf und Ab ihres sich hebenden und senkenden Brustkorbs. Doch zwischen all dem Tumult drang die herrliche Stille des Waldes. Der Wind umwehte sanft ihre aufgeheizte Haut. Vögel sangen in den Baumwipfeln ihr Lied.
Sie sah in Manaktus Antlitz und stellte leicht amüsiert fest, dass er ebenso erschöpft war wie sie. Zunächst noch grimmig und angriffslustig, begann sich in seinen Zügen nach und nach eine schelmische Jungenhaftigkeit zu zeigen, die sie amüsant und liebenswürdig fand. Er leckte sich mit seiner spitzen Zunge über die Lippen und gurrte leise.
Plötzlich war seine Aufmerksamkeit auf einmal ganz bei ihr. Als wäre er nicht mehr derselbe, schien er zu wachsen – gleichsam ein Riese zu werden, der sie zu verschlingen drohte. Seine Augen wurden so dunkel wie die tiefsten Stollen unter der Erde. Plötzlich packte er sie am dünnen Hals und drückte sie mit solcher Kraft gegen den Stamm einer großen Buche, dass ihr die Luft weg blieb. Ridhu versuchte sich heraus zu winden, aber sie zappelte in seiner kleinen gedrungenen Pranke wie eine hilflose Forelle im Netz. Alle Farbe wich ihr aus dem Gesicht und sie begann mit zusammen geballten Fäusten leise zu wimmern.
„Leise“, flüsterte Manaktu mit rauer Stimme.
Ridhu erwartete nun irgend eine Grobheit, stattdessen löste sich sein Griff und er begann vorsichtig ihren Nacken zu massieren. „Nicht weinen“, hauchte er ihr ins spitze Ohr, „das geht ganz schnell.“ Er presste seinen Körper gegen ihren. Warme Haut traf auf warme Haut, und weiches Fell kitzelte sie. Sein Atem roch nach würzigen Kräutern. Er zog seine Hand zurück, dann drückte er seine Lippen gegen ihren Hals und begann sie mit kreisenden Bewegungen seiner Zunge abzulecken. Ein prickelnder Schauer durchzitterte ihren Körper. Ihre Fäuste lockerten sich zu einer verlangenden Geste. Ihre Krallen gruben sich in sein Rückenfell und pressten ihn enger an sich. „Jetzt nicht bewegen.“ Seine Zunge glitt noch einmal kreisend über ihre Nackenhaut dann biss er zu.
Ridhu gab einen erstickten Schrei von sich und versuchte ihn instinktiv von sich zu stoßen, aber seine langen spitzen Zähne hatten sich wie kleine Widerhaken in ihr Fleisch gebohrt. Tränen des Schmerzes traten ihr in die Augen, dann gab es einen leisen Schmatz, und er löste sich von ihr. Sein Mund war blutig, aber er lachte. „Nun bist du wirklich meine Frau“, gurrte er, „und jeder kann es sehen!“
Ridhu strich sich über die schmerzende Stelle, ein kleiner Blutstropfen glitt in einem feinen Rinnsal an der dunklen Kralle ihres Zeigefingers entlang.
„Zeig mal her“, gurrte Manaktu, „ich will sehen wie schön der Biss ist! Ein runder Biss ergibt eine runde Hochzeit.“ Er näherte sich ihr wieder, beschaute sich die verletzte Stelle, leckte ein paar Mal darüber, beschaute sie sich wieder und nickte zufrieden. „Ich musste dich festhalten“, erklärte er sodann, „sonst hättest du dich ernsthaft verletzt.“

Auf einmal verstand sie woher die vernarbten Stellen an den Hälsen der anderen Frauen kamen, und warum sie diese immer geheimnisvoll Liebesbisse genannt hatten.

Die Geschichte von Ridhu und Manaktu ist hier noch nicht zu Ende, ich führe sie in meiner Kurzgeschichtensammlung weiter, die ich als Buch veröffentlichen möchte. Wenn euch meine Schreibe gefällt, dann schaut doch in meinen neuesten Naturwesen-Roman, Gniri-Noromadi rein ;)

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