Dienstag, 28. Juni 2016

Larga und die Feuersbrunst

Larga wälzte sich unruhig hin und her. Langsam musste der Schlaf doch kommen. Obwohl sie erschöpft war, ließ er auf sich warten.
Suul, ihr Sohn, war vor einigen Tagen mit einem Bündel Stroh bei ihr aufgekreuzt. Auf ihre Frage hin, wie ihm das in die Finger geraten sei, hatte er nur die Achseln gezuckt. Aber sie wusste ganz genau, wie er daran gekommen war! Das kleine Menschendorf in ihrer Nähe, nicht mehr als eine Ansammlung von ein paar herunter gekommenen Hütten war nicht weit. Gefühlte tausend Mal hatte sie ihrem Sohn schon gesagt, es schicke sich nicht für ein Naturwesen bei den Menschen zu klauen, aber das ging bei ihm zu einem Ohr rein und wieder raus.
"Du brauchst doch ein neues Bett, Mama", hatte er stattdessen stolz gesagt. Wo er Recht hatte, hatte er Recht! Nun wälzte sie sich auf ihrer knisternden Bettstatt unruhig hin und her. Es dauerte eben seine Zeit, sich daran zu gewöhnen. Nun denn, weich war sie ja doch!
Ihre runden graubraunen Augen wanderten die Äste ihrer Behausung ab, die sich in einem schummrigen Dämmerlicht in bizarren Formen über- und untereinander schoben. Sie war igluförmig und kaum größer als sie selbst, so dass gerade ihr Bett sowie ein paar Habseligkeiten hinein passten. Dabei war sie die Schamanin ihres Volkes. Larga zog es aber vor, einfach zu leben. Da ihr Mann schon lange verstorben war, ihre Kinder groß - und sie gerne ihre Ruhe hatte, wohnte sie in beengten Verhältnissen, die keinen dauerhaften lästigen Besuch zuließen. Und das war auch gut so. Für Zeremonien konnte sie ja nach draußen gehen, und wenn man wusste wie man die Geister rief brauchte man sowieso kaum Schnickschnack.
Sie wollte sich eben auf die andere Seite legen, als ein markerschütternder Schrei die Blätter und Zweige des Waldes erzittern ließ. Er war lang gezogen und schrill - ja, es handelte sich definitiv um die Stimme einer menschlichen Frau. In letzter Zeit wurden die Bewohner ihres kleinen Dorfes bei Nacht oft durch solche Schreie aus dem Schlaf gerissen. Sie dachte, es würde bei einem bleiben, aber sie hatte sich geirrt!!
Larga saß kerzengerade im Bett. Ihr Herz schlug laut. Sie fasste sich an die schmale behaarte Brust. Als sie auf ihre Hand herab blickte, kaum großer als die eines Kindes, sah sie, dass diese zitterte. Sie fuhr sich durch das hellrote Haar, das auf dem Handrücken wuchs und rollte sich aus dem Bett. Ihre großen spitzen Ohren zuckten angespannt und ihr Atem ging schnell. Als sie aus der Behausung trat, packte die Kälte sie mit ihren eisigen Klauen. Mochte nun der Frühling angebrochen sein, so waren die Nächte immer noch klirrend kalt.
Ihr Fell richtete sich schaudernd auf.
Fröstelnd folgte sie den menschlichen Schreien, die durch den Wald gellten. Sie waren von grässlichen Qualen durchtränkt und färbten mit ihren Energien die Landschaft blutrot und schwarz.

Obwohl die Naturwesen und die Menschen nah bei einander wohnten, hatte Larga nie auch nur einen Fuß in das Menschendorf gesetzt. Nicht, dass sie Menschen nicht mochte, aber sie mied sie, denn sie waren groß und laut. Eine Ausnahme bildete die gute Margot. Als Frau Mitte 60 mit schlohweißem langem Haar und dürren blassen Gliedern wurde sie von den anderen Menschen misstrauisch beäugt, aber wiederum auch konsultiert, wenn eine Hebamme benötigt wurde! Vor drei Tagen hatte sie Larga mit Händen und Füßen noch zu verstehen gegeben, dass eine junge Frau bald ein Kind gebären würde. Da der Bauch sehr groß war, würde es wohl was dauern, hatte sie mit leichter Besorgnis angedeutet. Margot war der einzige Mensch im ganzen Dorf, der Naturwesen leibhaftig sehen konnte. Wie so viele andere Sehende hielt sie ihr Wissen geheim.
Nun wusste Larga was ihr so Angst machte. Sie wusste auf einmal wer da schrie! Sie schluckte ihre Angst hinunter und beschleunigte ihren Schritt. Plötzlich roch sie Feuer. Und dann sah sie es: es war eine Feuersbrunst, und inmitten der alles verschlingenden Flammen stand sie: Margot! Sie schrie und kreischte und wand sich in wahnsinnigem Schmerz, derweil ihr Fleisch von den Flammen versengt, verschmort und verschlungen wurde.
Die Schamanin stieß einen unmenschlich klingenden Laut der Verzweiflung aus. Sie wollte wegrennen, aber ihre Beine waren wie am Boden festgewachsen. Dann endlich riss sie sich aus der Starre drehte sich um, und rannte, rannte immer weiter und noch weiter, bis sie irgendwann zwei starke Arme auffingen. Es war Suul, ihr Sohn, der genau wusste, was sie gesehen hatte, und ihr tränenbenetztes Gesicht sanft an seinen Schultern barg. "Du gehst da nie wieder hin, hörst du? Nie wieder", krächzte Larga heiser.
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